1967 – 1977

DIE GLÜCKLICHEN JAHRE DER FREIHEIT

 

Die durch tiefgehende soziale Änderungen geprägten 60er Jahre waren ein Jahrzehnt, das immer noch eine besondere Bedeutung hat, da sich die traditionellen Hierarchien auflösten und diese durch die Herausbildung des modernen Zeitalters abgelöst wurden. Die Art und Weise, auf die sich die Leute kleideten, war ein deutliches Zeichen der sich verändernden Gesinnungen.

 

In den 60er Jahren entschieden sich viele Leute ganz öffentlich für einen von der Norm abweichenden Look. Da das Einkommen junger Leute seinen Höhepunkt erreicht hatte, regten die zunehmenden finanziellen Möglichkeiten zu einem neuen Identitätsgefühl und zum Bedürfnis an, es zum Ausdruck zu bringen. Die Modebranche entsprach dem recht schnell mit der Kreation von Modellen für junge Leute, die nicht mehr einfach eine Kopie der für Erwachsene bestimmten Stilrichtungen waren. Mit dem fortschreitenden Jahrzehnt wurden die Bekleidungsregeln auch für die älteren Generationen immer ungezwungener.

 

Die Maßschneiderei wurde lockerer, öffentliche Persönlichkeiten, wie Jackie Kennedy, begannen, kürzeren Röcken den Vorzug zu erteilen, und immer weniger Personen trugen Accessoires wie Hüte und Handschuhe. In Paris gehörten Courrèges, Cardin, Ungaro und Saint Laurent zu jenen Designern, die eine CoutureÄsthetik durch die Kreation neuer Modelle für junge Leute umwandelten, die Alltagskleidung wünschten.

 

Gegen Ende der 60er Jahre war der Stil ziemlich theatralisch geworden. Die Mode billigte lange Haare sowohl bei Männern als auch bei Frauen und ließ ausgestellte Hosen zu. Infolge des Kriegs in Vietnam und der Studentenaufstände in Frankreich begannen die Meinungsbildner den materialistischen Glanz der Leute zu missbilligen. Frauen trugen unglaublich kurze Miniröcke und Männer kleideten sich mit Kasacken und Capes. Es schien, als ob die 50er Jahre alle so stark eingekesselt hätten, dass die 60er Jahre nun wie ein alter Dampfkochtopf explodierten! Die Ideen und der Mix & Match Stil der kalifornischen Hippie- Bewegung überquerten den Atlantischen Ozean und ließen den Leuten freie Hand ´anders zu leben´ und Kleidung zur Schau zu tragen, die verschiedenen, nichtwestlichen Kulturen entstammte – lose und geschichtet getragene Outfits, die oft von Bekleidung aus zweiter Hand oder Vintage inspiriert waren.

 

 

Der Minirock leitete die Mode-Revolution des Jahres 1967 ein. Höher über dem Knie getragen, stellte er die Beine der Frauen zur Schau wie man sie jahrelang nie gesehen hatte. Die jungen Leute bestimmten auch weiterhin das Tempo der Mode… Die Welt verliebte sich in Twiggy, das spindeldürre 17-jährige britische Model, das plötzlich in die Szene hereinplatzte und das Mini-Mod-Alter ins Rampenlicht stellte.

Und Mailand wurde Treffpunkt von Luxus, Mode und Design. Das ist der Ort, an dem Pino Rabolini, der Sohn eines Mailänder Goldschmieds und Gefährte der Artistengruppe des Café Jamaica, seine visionäre Idee hatte, das Prêt-à-porter-Konzept auf die konservative Welt der Juwelen anzuwenden. Er wollte leichtere, aber dennoch edle und schön gestaltete Stücke für die dynamischen Frauen jener Zeit kreieren. Angeregt durch seinen Avantgarde-Geist gründete er Pomellato – Gold machte endlich Spaß und Ketten waren die ersten Juwelen, die als ein echtes Mode- Accessoires benutzt wurden.

 

Der Mode war damit ihre diktatorische Macht durch eine revolutionäre Geltendmachung des Individualismus oder, ganz einfach, durch die Freiheit entzogen worden. Der Slogan „Mach dein eigenes Ding“ wurde umgesetzt, als Frauen und Männer entschieden, dass sie sich nicht mehr dem anpassen müssen, was ihnen die Designer servieren. Die Personen kreierten ihren eigenen Stil entsprechend ihrer Persönlichkeit und Stimmung.

 

 

Anhand der von Hippies aus Gebrauchtwarenläden ergatterten Outfits entwickelten sich die farbenfreudigsten, schreiendsten und ausdrucksstärksten Trends. Accessoires bestimmten die Looks und übertrafen mit ihrer Wirkung oft die Kleidung. Sogar wohlhabende Frauen machten sich den Hippie-Look mit aufwendigen Stoffen, Pelzen und Juwelen zu eigen.

1969 wurde die Mode elastisch, weicher und körperbewusster. Die Frauen wollten einen schlanken, linearen Look mit langen Kleidern. Sowohl in Paris als auch in den USA zeigten die Designer Maxilängen. Die lange, schlanke Linie war der eindeutigste Trend jenes Jahres. Die „Skinny Sixties“ endeten auf angemessene Weise, denn die Frauen suchten nach Kleidung, die ihnen einen großen, schlanken Körper verleihen würde. Schmale Kasacken, hautenge lange Ärmel, Taschen in Hüfthöhe und Gürtel, die Hüften bedeckende Westen und körperlange Cardigans halfen, einen eher üppigen Körper zu verdecken. Überall konnte man Patchwork, Perser- und Navajo-Teppichmotive sehen. Und je mehr Fransen daran waren, umso besser war es…

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass es in den 70er Jahren eine Mode-Revolution gab. Polyester wurde bevorzugt, und überall sah man leuchtende Farben. Sowohl Männer als auch Frauen trugen sehr eng anliegende Hosen und Plateauschuhe. Das ist wahrscheinlich das erste ganze Jahrzehnt, in dem man Frauen in jedem Lebensbereich Hosen tragen sah. Medaillons, Schmetterlingskragen, Schlaghosen, hautenge T-Shirts, Sandalen, Freizeitanzüge, blumengemusterte Hemdblusenkleider und – ja – Tennis-Kopfbänder konnte man überall sehen.

 

Accessoires waren der unerlässliche Bestandteil dieses neuen Looks. Halsreife, Halsbänder und handgemachter Halsschmuck traten an die Stelle der Juwelen. In manchen neuen Schmuck waren natürliche Elemente wie Holz, Muscheln, Steine, Federn, Indianerperlen und Leder eingearbeitet.

1974 änderten sich die Schnitte auf recht signifikante Weise. Die Designer versuchten, die hautenge, körperbetonenden Bekleidungsstile in einen etwas weiteren Look zu ändern. Man trug den beliebten Sweater, ein T-Shirt und ein Paar Jeans fast alltäglich.

 

1977 wurde die Mode weicher. Die Designer ließen die Kleider fallen, wo sie fielen und verdrillten, verschnürten und rafften die Stoffe. Man darf die Bedeutung der weichen Textilien nicht unterschätzen. Gianni Versace und Giorgio Armani erweckten mit ihrer erfolgreichen Haute- Couture wieder Glamour und Interesse in und für Italien. Aber der tragbarste aller neuen Modestile stammte von Calvin Klein und Bill Blass, deren Tops mit Taillenschnürung die perfekte Ergänzung zum bauschigen Dirndlrock waren. Verwegenes Gold, schillernder Satin und entblößte Haut glichen das Fehlen körperbetonender Kleidungsstücke aus. Hemden wurden nicht zugeknöpft, Ärmel wurden hochgekrempelt, und die Tops waren oft aus Spitze, durchsichtig und schulterfrei.

 

Der Schal war das Accessoire des Jahres, diente aber nicht als Kopfbedeckung. Man ließ sich die Haare natürlich wachsen – strubbelig, lockig, kraus oder glatt – und die Frauen schmückten sie mit bunten Blumen oder goldenen Kämmen. Und all das prägte eindeutig das Jahrzehnt der ´Mode-Freiheit´.

 

 

 

 

Text by Gianluca Longo

Photo of Milan by Gabriele Basilico

Photos of the jewels by Bodha D’Erasmo & Gilda