1977 – 1987
FRAUEN 70

 

Anscheinend nichts Großartiges, aber in Wirklichkeit viel. Während die 60er Jahre durch Frauenbewegungen geprägt waren, die für die Erlangung von Rechten kämpften, begann das neue Jahrzehnt im Kielwasser einer neuen Sicherheit. Das war die Sicherheit, die sich die Generationen zu eigen gemacht hatten, die auf die Massenbewegungen von 1968 folgten, die Sicherheit, die die großen „Schwestern“, die Mütter und auch die Großmütter errungen hatten, die ohne Abstriche die Zuerkennung Ihrer Gleichberechtigung mit ihren Männern erlebten.Die Frauen der siebziger Jahre sind entschlossene, dreiste, emanzipierte Mädchen – und werden ihr ganzes Leben lang Mädchen bleiben. Sie sind so, weil sie so sein können; sie sind so, weil es für sie „normal“ ist, so zu sein.

 

So wie es auch „normal“ ist, mit der Faust auf den Tisch der Politik zu hauen.

 

In jenen Jahren wurden Frauen erstmals zu Ministern ernannt (Tina Anselmi in Italien, Simone Veil in Frankreich), Frauen wurden zu Abgeordneten gewählt (Emma Bonino in Italien). Angela Davis, eine Frau, wurde vom FBI als eine der 10 gefährlichsten Kriminellen der Vereinigten Staaten betrachtet. Warum? Weil sie nicht schwieg. In jenen Jahren war es „normal“ Sex zu haben, über Sex zu sprechen, Sex zu erleben, Sex zu genießen, über Sex zu schreiben. Lidia Ravera schockierte – zwar zusammen mit einem Mann, Marco Lombardo Radice – mit ihrem Roman Schweine mit Flügeln. „Normal“ war auch, einen mächtigen Konzern zu leiten, was für Marisa Bellisario in Italien zutraf.

 

Auch das mit der Frau verbundene Konzept der Schönheit änderte sich, erlangte neue Bedeutungen.

Bei Schauspielerinnen war, zum Beispiel, die Schönheit allein nicht mehr genug. Im Gegenteil, sie durften auch gar nicht schön sein, mussten aber die Frau darstellen, die sich herausbildete. So wurden Annie Girardot und Marlène Jobert in Frankreich und Diane Keaton in den USA berühmt.

 

Ein junger Mann mit Auto? Nein, darauf warteten sie nicht mehr! Die Frauen der 70er Jahre holten sich mit 18 Jahren den Führerschein, und wenn sie konnten, kauften sie sich auch das Auto, und dann … auf ging´s zusammen mit den Freundinnen!

 

Juwelen? Aber man muss ja nicht abwarten, dass man sie geschenkt bekommt. Die Ära der Perlenkette mit 18 Jahren war vorbei. Nun waren Goldketten und farbige Anhänger modern. Das entschied zumindest der Gründer von Pomellato, Pino Rabolini. Er – Sohn Mailänder Juweliere – verstand als Erster die Frauen einer Generation, die bereit war, Juwelen zu kaufen, denn sie verliebten sich sofort in sie, es war eine Liebe auf den ersten Blick.

 

Ich denke an Diane von Fürstenberg, die sich jedes Mal, wenn sie einen Vertrag unterzeichnete, ein Juwel schenkte! Sie und die Freundin Marisa Berenson verkörperten voll und ganz die Unabhängigkeit der Frauen, die sich in den 70er Jahren konsolidierte, auch wenn sie zu recht unterschiedlichen Zeiten geboren waren. Diane zeigte mit der Gründung ihres Reichs der Verlockung einen großartigen Geschäftssinn. Jahre danach schrieb sie ihre Memoiren Die Frau, die ich sein wollte …das Mantra jener Jahre. Marisa bahnte sich durch die sofortige Zusammenarbeit mit bedeutenden Regisseuren, wie Visconti, Ken Russell und Bob Fosse, geschickt ihren Weg in der Filmwelt.

 

In der Modebranche begann die Nostalgie-Epoche. Einerseits liefen die Frauen nun zu den Flohmärkten um einzukaufen, und andererseits blickten auch die Modedesigner sehnsüchtig auf ihre Kindheit zurück. Walter Albini in Italien und der berühmte Yves Saint Laurent in Paris ließen sich beide von den 30er Jahren inspirieren. Alles in allem bot die Mode große Freiheit – man konnte sich wie eine Zigeunerin oder auch wie ein Cowgirl oder ein russisches Mädchen kleiden, man konnte sich den Finzi-Contini-Stil oder den Kabaret-Stil zu eigen machen. Was war die Lösung? Spielen. Auch mit den Frisuren, mit einem Toupet oder einer Perücke. Seit der Zeit von Marie Antoinette hatte man keine derart hohen Frisuren mehr gesehen. Gürtel und Revolvergürtel, Holzpantoffeln, Stiefel und Schaftstiefel, Colliers und lange Halsketten, Ketten, Armbänder und Ohrringe in Hülle und Fülle symbolisierten die Freude am Leben und die Sorglosigkeit der Epoche.

 

 

Text by Stephan Janson

Illustrations by Olimpia Zagnoli

Photos of jewels by Enrico Suà Ummarino

Photo of Milan by Gabriele Basilico