1987 – 1997
LIFE NEVER ENDS: THE 80’S FICTION

 

Die 80er Jahre begannen 1978. Das sind die Jahre, in denen die 70er Jahre endeten und die 80er Jahre zum Leben erwachten. 1978 war Salvator Dalì noch am Leben. Auch Marc Chagall war noch am Leben.

Sherman, Richard Prince und Julian Schnabel gewannen an Bedeutung. 1978 war die Morgendämmerung der 80er Jahre.

 

Ein Bild von Irvin Penn kündigte die 80er Jahre sogar als die besten Jahre aller Zeiten an. Es ist ein Stillleben, das einen Dialog zwischen seinen Gegenständen, dem Kopf eines Buddhisten und einem Totenkopf, einleitet. Darum ging es in den 80er Jahren, vom Himmel zur Hölle im Handumdrehen. Die 80er waren das Ablassventil der 70er Jahre. Alle politischen und sozialen Frustrationen dieser Epoche wurden abreagiert, und wir versanken in eine Welt der Wünsche, des Vergnügens und der Ausschweifungen. Im Mittelpunkt der 80er Jahre standen das Ich und die Schönheit des Erfolgs und des Images. Warhol schwand dahin, aber sein Erbe blieb stark und schlug sich in den Phantasien jener Zeit nieder.

 

Es war reine Vergnügungssucht, die in Francesco Clementes Eleganz, Jean Michel Basquiats übertriebener Coolness oder Julian Schnabels Prunk zum Ausdruck gelangte. Mailand und New York waren die Epizentren der Revolution der 80er Jahre. Keiner wollte anderswo sein. Diese beiden Städte waren die Freizonen der Gierigkeit und des Wunsches. Nach der betont konzeptionellen, politischen und minimalen Stimmung der 70er Jahre explodierte die Welt zur Oberflächlichkeit und stürzte in unendliche, vergnügliche, bis zum Morgengrauen dauernde Partys. Tom Wolfes Roman Fegefeuer der Eitelkeiten wurde das narrative Bollwerk jener Ära. Die Seiten und Kapitel dieses Romans überlappten sich mit der umgebenden Realität. Es handelte sich nicht um von der Fiktion umhüllte Realität, sondern es war umgedreht.

 

Reale Personen wurden zu Helden und Schurken, die von Schriftstellern und Filmregisseuren engagiert wurden. Die 80er Jahre schienen wie ein Drehbuch geschrieben, herausgegeben und vertont worden zu sein, sie waren meistens unreal. Die Filme, die in diesem Jahrzehnt erschienen, reichten von Weltall-Phantasien, wie E.T., zu imaginären Metropolen, wie in Batman oder Blade Runner, während Vergangenheit und Zukunft in Filmen wie Jäger des verlorenen Schatzes, Ghostbusters, Zurück in die Zukunft, Im Namen der Rose verstrickt wurden.

 

Auch Angst und die Macht der Gefühle waren klassische Erfahrungen der 80er und gelangten am besten in Stephen Kings Roman IT oder in Patrick Suskinds Das Parfüm zum Ausdruck. Die Globalisierung oder Probleme, die in unsere Welt Einzug halten würden, gab es in den 80er Jahren noch nicht, aber sie kündigten sich schon mit Büchern wie Mitternachtskinder und die satanischen Verse von Salman Rushdie an.

Die Welt der 80er Jahre erlebte eine neue Ära der Phantasien und Inspiration. Keith Haring nutzte die Untergrundszene von Manhattan, um sich einen Namen zu machen und den Rest des Planeten mit seinen heiteren und lebhaften Graffiti zu bedecken. Maler malten wieder und wurden auf den Titelseiten der populärsten Zeitschriften zu berühmten Persönlichkeiten. Michael Jackson schockierte die Musikwelt mit seiner Langspielplatte Thriller, während Madonna mit dem Verkauf von über dreieinhalb Millionen ihrer zweiten Langspielplatte Like a Virgin zu einem Phänomen wurde. Es war der eigentliche Beginn einer Revolution in der Welt der Stars, als die Kommunikation zu einem wesentlichen Teil des Erfolgs jeglicher Person wurde.

 

Die sozialen Medien hatten noch lange nicht ihr volles Potential erreicht und die IPhone-Revolution war noch undenkbar, aber die Energie und der Samen all dessen, was Jahrzehnte später geschehen würde, waren in den 80er Jahren verwurzelt.

 

In jenen Jahren stellte Robert Mapplethorpe in seinen Werken sowohl die reinste Schönheit als auch die düstersten Provokationen dar. Die 80er Jahre waren tatsächlich zur gleichen Zeit schön, düster und provokatorisch. Erfolg, Erfolg, Erfolg war die Lösung des Jahrzehnts. Keiner wollte in den 80ern ein Verlierer sein, und alle träumten und glaubten vielleicht auch, Gewinner zu sein. Die drei Maler der Transavantgarde Cucchi, Clemente und Chia waren in New York und in der Welt berühmt wie Fellini, Sofia Loren und Mastroianni. Etwas vollkommen Unmögliches geschah in den 80er Jahren, nichts war mehr am Rande, alle strömten zur Mitte. Die Wirtschaft explodierte und brach zusammen, Reiche wurden reicher, Arme wurden ärmer. Es war ein Spiel, es war Fiktion.

Kein Film kann diese verrückt gewordene Epoche besser als SKs The Shining mit seinen im Labyrinth der Zügellosigkeit und Ausschweifung verlorenen und eingefrorenen Figuren verkörpern. Es war Spaß, es war furchterregend, es war in allem so wie man sich ein Jahrzehnt wünschen würde und zugleich all das, von dem man sich wünschen würde, dass es nie geschehen möge.

 
Es war trotz allem ein echtes, von allen Ideologien befreites und gereinigtes Jahrzehnt, nur dem Vergnügen gewidmet, das das Vergnügen aller anderen war. Es gibt ein Selbstporträt von Mapplethorp, das das beste Ende des Buchs bildet, welches mit dem oben erwähnten Bild von Irving Penn beginnt. Es zeigt den Künstler, der in die Kamera blickt und einen Stock mit einem Schädel darauf in der Hand hält. Sein Blick und seine tiefe, schöne Dunkelheit dahinter symbolisieren, was die 80er Jahre eigentlich waren. Eine Ära, in der keiner zurück, sondern sicher nur nach vorn in eine imaginäre Zukunft schaute, die für seine eigenen Wünsche hätte maßgeschneidert sein sollen … und damals wurde Sean Connery auf dem Titelblatt des People Magazine zum heißesten lebenden Mann gekürt.
 

Text by Francesco Bonami

Photos by Alberto Zanetti